Prolog
Die Kerzen im Weinkeller flackerten seit einer gefühlten Ewigkeit und tauchten den Ort in eine milde Stille und eine traurige Unendlichkeit.
Loslassen.
Dieser Gedanke begann ganz langsam, sich in seinem Kopf auszubreiten. Mit ihm kehrte eine innere Wärme zurück, begleitet von dem Wunsch nach Schlaf. Er hatte aufgehört zu kämpfen und begann, sich seinem Schicksal zu ergeben.
Sein Herz pochte und erinnerte ihn daran, dass er noch lebte. Gleichzeitig pumpte es den Rotwein durch seinen Körper – den Wein, dem sein ganzes Leben galt und der nun zu seinem Todesurteil wurde.
Längst hatte er davon abgelassen, die Magnumflasche zu betrachten, die links über ihm hing. Ein durchsichtiger Schlauch führte von ihr zu der Kanüle in seiner Armbeuge. Auf der rechten Seite verließ das Blut seinen Körper. Langsam tropfte es in einen Eimer und verlieh der Stille des Kellers einen eigenen Rhythmus.
Tropfen für Tropfen.
Die Bandagen an Armen und Beinen hatten längst dazu geführt, dass seine Gliedmaßen eingeschlafen waren. Genau das wollte nun auch er. Seine Augenlider wurden schwerer, und immer häufiger glitten seine Gedanken in eine weiße, undurchdringliche Nebelwand. Nur selten fanden sie zurück in den flackernden Kerzenschein.
Nach dem Kampf gegen die Fesseln und gegen das Unausweichliche war die Frage nach dem Warum gekommen. Doch auch sie hatte nur zu einem Karussell des Leidens geführt. Sein Geist wollte leben. Sein Körper hatte die Abwehr bereits aufgegeben, als er aus der Ohnmacht erwacht war.
So rann sein Blut aus ihm heraus, während sein Herz den Wein in ihn hineinpumpte.
Als sein Bewusstsein noch einmal aus dem Nebel in den Keller zurückfand, sah er sich wie zum Abschied um. Er saß in seinem Lehnstuhl am Ende des alten Weinkellers, den schon sein Vater vom früheren Besitzer übernommen hatte. Im flackernden Licht erkannte er die Premiumfässer, in denen sein gefragter Lagerwein ruhte. Dieser Rotwein war dafür bestimmt, noch viele Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte in den Kellern seiner Käufer zu reifen und eines Tages einen besonderen Augenblick zu einem geschmacklichen Höhepunkt werden zu lassen.
Die Fässer waren sein Schatz. Auch wenn der Kellermeister die Weine der Bodega besser kannte als jeder andere, hatte Nadal diesen kleinen, alten Teil des Kellers immer als seinen persönlichen Rückzugsort betrachtet. Die beinahe zwanzig Angestellten arbeiteten hauptsächlich im neuen Bereich der Kellerei und respektierten, dass ihr Chef hier manchmal allein sein wollte.
Oft hatte er sich der Hektik des Alltags entzogen und in diesem Raum die Ruhe gesucht. Vor knapp zwei Jahren hatte er auf einem der vielen Flohmärkte Mallorcas den Lehnstuhl gefunden, auf dem er nun gefesselt saß. Die Verbindung aus altem Holz und noch immer weichem Leder hatte ihn sofort in ihren Bann gezogen und selbst vor dem hohen Preis nicht zurückschrecken lassen. Der Stuhl, die Fässer, die Kerzen und das alte Gemäuer bildeten für ihn seitdem eine Einheit.
Sie waren der sichtbare Beweis dafür, dass er es geschafft hatte.
Nach Jahren des Bangens und Hoffens war der Erfolg gekommen. Die Bodega, die sein Vater vor Jahrzehnten erworben und die Nadal vor zehn Jahren übernommen hatte, war gewachsen. Ihr Wein wurde nicht nur auf Mallorca, sondern bis auf das spanische Festland verkauft. Die Weinbruderschaft hatte ihn nach Barcelona eingeladen. Neue Märkte schienen sich zu öffnen. Seine Pläne hatten größer und größer werden dürfen.
Nun wurde der Nebel dichter und zog ihn fort, an den Rand einer unbekannten Ewigkeit. Eine grenzenlose Traurigkeit umfing ihn. All das würde er nicht weitergeben können.
Sie hatten ein Kind adoptieren wollen. Francisco und er. Die Liebe seines Lebens und er hatten die Bodega gemeinsam aufgebaut, doch das Geschäft hatte ihnen angeblich nie die Zeit gelassen, den Wunsch wahr werden zu lassen.
Später, hatten sie einander immer wieder versprochen.
Später.
Mit dem Bild Franciscos vor Augen tauchte Nadal ein letztes Mal aus dem weißen Nebel auf. Seine Augen wurden feucht. Tränen liefen über sein Gesicht.
War dies das Ende?
Die Sehnsucht nach seinem Mann ließ seinen Blick noch einmal über den Keller und die Fässer gleiten. Der Streit mit Francisco verhallte in ihm wie Stimmen auf dem Meer, die nur als fernes Echo das Ufer erreichten. Warum hatten sie sich ausgerechnet an diesem Abend mit harten Worten getrennt? Weshalb hatte er Francisco nicht zurückgerufen und ihm gesagt, dass nichts von alledem wichtig war?
Sein Herz pumpte den Rotwein wie ein Gift durch den Körper, der den Kampf nun endgültig aufgab. Mit jedem langsamer werdenden Schlag stiegen Ruhe und eine beinahe tröstliche Gelassenheit in ihm auf.
Aus weiter Ferne kam die Erinnerung an ein Lied. Seine Mutter hatte es ihm als Kind vorgesungen, wenn draußen über den Weinbergen bei Barcelona ein Gewitter aufzog und er nicht schlafen konnte. Er hörte ihre Stimme nicht mehr deutlich. Nur die Melodie war geblieben.
Die Wärme umfing ihn nun ganz. Ein letzter Gedanke an Mama und Papa zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.
Er war angekommen.
Der Nebel kam und nahm ihn vollständig in sich auf. Sein Herz schlug ein letztes Mal, fast wie zur Erinnerung daran, dass er gelebt hatte.
Dann wurde es still.
Kapitel 1
Der Sonnenaufgang lag bereits eine halbe Stunde zurück, als Georg Rothenburg, die lange Nacht noch in allen Gliedern spürend, an Deck seiner ZozoPrise stieg. Im Hintergrund spielte wie an jedem Morgen Calma von Pedro Capó.
Georg ging schlürfend durch den Salon und öffnete die große Glasschiebetür am Heck. Die Morgenluft roch nach Salz, Kaffee und einem Hauch Motorenöl. Sein Blick wanderte über die Mole hinaus auf das Meer. Er liebte diese Weite, den Blick in die scheinbare Unendlichkeit.
Dann sah er über die Boote, die neben ihm ankerten. Es war ein vertrauter Anblick, der ihm das Gefühl von Heimat vermittelte. Der kleine Hafen von Can Pastilla am Ende der Playa de Palma war sein Zuhause geworden.
Im Salon lief sein wichtigstes Morgengetränk durch die Maschine und verbreitete den Duft frischen Kaffees. Wäre Georg Parfümeur gewesen, hätte er genau diese Mischung in eine Flasche gefüllt: Kaffee, salzige Seeluft und der leichte Ölgeruch des Hafens.
Noch wusste er nicht, dass auf der anderen Seite der Insel ein Mann gerade seinen letzten Atemzug getan hatte.
Kapitel 2
Keine fünfzehn Kilometer entfernt klingelte an diesem Morgen Anas Telefon und riss sie unsanft aus dem Schlaf.
»¿Dígame?«
»Inspectora Banderas, wir haben einen Todesfall in einer Bodega bei Pollença. Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Mord. Wann können Sie vor Ort sein?«
Ana richtete sich auf und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. »Pollença. Über die Ma-20 und die Ma-13 brauche ich ungefähr fünfundvierzig Minuten. Senden Sie mir die Koordinaten. Ich melde mich vor Ort.«
Ana stand wenig später, das Telefon noch in der Hand, vor dem Spiegel im Bad. Sie war seit fünfzehn Jahren bei der Cuerpo Nacional de Policía. Einen Mord in einer Bodega hatte sie in dieser Zeit noch nicht bearbeitet.
Die Corvette sprang sofort an. Ana schaltete das Blaulicht ein und fuhr zur Ma-20. Auf der Autobahn kam die Sirene hinzu. Sie nahm ihre auffällige Sonnenbrille aus dem Handschuhfach, setzte sie auf und sah kurz in den Spiegel.
Die Straße war noch fast leer. Hinter der Sonnenblende steckte ihr Lieblingsspruch:
Wer die Gegenwart genießt, hat in Zukunft eine wundervolle Vergangenheit.
Noch wusste sie nicht, welches Bild am Ende dieser Fahrt auf sie wartete.
Hier endet die Leseprobe
Ana ist auf dem Weg. Was sie in der Bodega erwartet, ahnt sie noch nicht.
Wer hat Nadal Diaz auf diese grausame Weise getötet – und weshalb wird ausgerechnet der Wein, dem sein ganzes Leben galt, zu seinem Todesurteil?
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